DREI THESEN,
DIE MICH
AKTUELL
BESCHÄFTIGEN.
01 If there ever was a time to rage against the machine – this is it. Rage, Obsession, Zerstörung, Absurdität. Eine These darüber, was als nächstes zählt.
„AI – good luck trying to do something like this." Das war einer von vielen hundert Kommentaren unter dem Musikvideo zu STORM von GENER8ION. Sieben Minuten Rage, Zerstörung, Gemeinschaft. Ein Internat in Leeds, 2034. Keine Handlung, keine Erklärung – nur Spannung, die sich aufbaut bis sie explodiert. Yung Lean als charismatischer Unruhestifter, der die Schule regiert – nicht durch Autorität, sondern durch Anziehungskraft. Am Ende eine Choreographie, die sich anfühlt wie ein Tier, das aus dem Käfig will.
Wir leben gerade in einem Moment, in dem KI beide Pole gleichzeitig verstärkt. Auf der einen Seite: Menschen, die mit KI außergewöhnliche Dinge machen, weil sie unglaublich viel Sorgfalt, Detail und Haltung reinstecken. Auf der anderen Seite: eine Flut von generiertem Mittelmaß, das Kanäle verstopft, weil es so einfach geworden ist, Inhalte zu produzieren, denen niemand etwas schuldet – keine Mühe, keine Haltung, keine Kosten.
Ein Ergebnis, das ich aktuell beobachte, ist eine wachsende Sehnsucht.
Die kanadische Band Angine de Poitrine macht Mikrotonmusik, die klingt, als hätte jemand beschlossen, nie aufzuhören, egal wohin es führt. STORM ist sieben Minuten Rage, Gemeinschaft und Zerstörung – und fühlt sich trotzdem nicht produziert an. Unausweichlich. Als wäre es entstanden, weil es nicht anders konnte.
Das sind die Felder, die gerade an Bedeutung gewinnen. Ich glaube: Nicht trotz KI – sondern genau wegen ihr.
Rage. Echter Zorn hat eine Eigenlogik, die kein Algorithmus vorhergesagt hätte. Er kommt aus einer Haltung, die bereit ist, etwas zu verlieren. Die Maschine optimiert auf Akzeptanz. Wut tut das nicht.
Obsession. Echte Obsession wird irgendwann merkwürdig. Sie geht in Richtungen, die kein Mensch geplant hätte. Mikrotöne sind kein Ergebnis von „was kommt gut an" – das ist das Ergebnis von jemandem, der nicht aufhören konnte.
Zerstörung. Es gibt etwas zutiefst Befreiendes daran, etwas kaputtzumachen. Das ist keine Regression – das ist ein urmenschlicher Impuls, der in optimierten Welten keinen Platz mehr hat. Deshalb schaut man ihm zu und fühlt sich seltsam lebendig dabei.
Absurdität. Die Maschine kann Witze erklären. Aber sie erfindet keinen echten Unsinn. Echter Blödsinn kommt aus Widersprüchen, die man erlitten hat. Dada war menschlich, weil es aus Schmerz entstand – nicht aus Statistik.
Was diese Felder verbindet: Sie kosten etwas. Obsession kostet Zeit und soziale Akzeptanz. Rage kostet Kontrolle. Zerstörung kostet Sicherheit. Absurdität kostet Würde. Die Maschine hat keine Kosten. Genau deshalb kann sie diese Dinge nicht wirklich herstellen – nur imitieren. Und Menschen spüren den Unterschied, auch wenn sie ihn nicht benennen können.
Für alle, die in Kommunikation arbeiten: Wer das als Randphänomen abtut, verpasst ein entscheidendes Signal. Die Spielfelder, auf denen echte Resonanz entsteht, verschieben sich gerade. Wer das früh versteht, besetzt Räume, die die Maschine nicht erreicht – nicht weil man besser promptet, sondern weil man bereit ist, etwas zu riskieren.
KI wird für vieles bald „gut genug" sein. Die interessantere Frage ist, wonach Menschen sich dann sehnen, wenn sie alles in „gut genug" haben können.
02 KI übernimmt die leichten Aufgaben. Was bleibt, ist nur noch das Schwere. Was passiert, wenn der Leerlauf verschwindet – und warum das eine Führungsfrage ist.
Dieses Wochenende wieder Overkill in den Netzwerken: Claude Design macht alles jetzt noch einfacher, noch schneller, noch besser. Juhuu!
Parallel haben mich letzte Woche zwei meiner tollsten, leistungsstärksten Kolleginnen unabhängig voneinander das gleiche gefragt: „Warum ist die Arbeit in letzter Zeit eigentlich so unfassbar anstrengend?!"
Ich glaube, ich weiß warum. Wenn du dir zusätzlich zu deinem anspruchsvollen Job permanente Tech- und Tool-Updates reinschaffst, ist das natürlich ein Zusatzaufwand. Logisch. Aber ich glaube, es geht auch noch um was anderes.
Die Aufgaben, die KI uns abnimmt, waren nicht nur lästig. Die haben auch Rhythmus gegeben. Ein Arbeitstag hatte bis vor Kurzem beides – Themen, die wirklich Energie gekostet haben, und Dinge, bei denen man kurz im Leerlauf war. Das war keine Ineffizienz. Das war einfach, wie Menschen arbeiten.
Was jetzt hängenbleibt, sind nur noch die anspruchsvollen Themen. Den ganzen Tag.
Das verändert die Arbeitssituation von Menschen grundlegend. Und ich glaube, das ist die eigentliche Führungsaufgabe gerade: nicht nur verstehen, wie wir mehr rausholen – sondern anerkennen, dass sich der Job selbst verändert hat. Und Workload so strukturieren, dass er unter diesen neuen Bedingungen noch zu schaffen ist.
Ich weiß ehrlich gesagt noch nicht, wie die Antwort aussieht. Aber die Frage sollten wir uns auf jeden Fall bald stellen.
03 Das Uncanny Valley hat sich verschoben. Der Nackenschauer kommt nicht mehr beim Sehen, sondern beim Wissen.
Den Begriff Uncanny Valley hat 1970 der japanische Robotiker Masahiro Mori geprägt. Seine Beobachtung: Je menschenähnlicher ein Roboter wird, desto sympathischer wirkt er – bis zu einem Punkt kurz vor dem Echten. Dort kippt das Gefühl ins Unheimliche. Ein Tal in der Akzeptanzkurve, das man durchqueren muss, bevor es wieder bergauf geht.
Jahrzehntelang war das die Erklärung für alles, was sich falsch anfühlte: die toten Augen in The Polar Express, frühe VR-Avatare, Wachsfigurenkabinette. Ein Wahrnehmungsproblem, lösbar mit besserer Technik. Und tatsächlich – das klassische Uncanny Valley ist heute weitgehend Geschichte. KI-generierte Bilder sind von echter Fotografie kaum noch zu unterscheiden.
Aber das Unbehagen ist nicht verschwunden. Es hat sich nach hinten verschoben – hinter den Moment des Sehens. Es kommt jetzt danach.
Es gibt dieses Gefühl, wenn man erfährt, dass ein Bild KI-generiert war, das man gerade noch gut fand. Nicht Enttäuschung. Es ist eher eine Art Scham. Man hat sich dabei erwischt, emotional reagiert zu haben – auf etwas, das nicht existiert.
Das klassische Uncanny Valley war ein Wahrnehmungsproblem. Das Gehirn hat in Millisekunden entschieden: stimmt nicht. Dieser Schauer ist gelöst.
Aber das Unbehagen ist nicht verschwunden. Es hat sich nach hinten verschoben.
Nicht das Bild fällt auseinander, sondern die eigene Reaktion. Man hat sich gerade noch bewegen lassen, und eine Sekunde später schämt man sich fast dafür. Das Gefühl, reingefallen zu sein. Auf sich selbst.
Was passiert, wenn wir das oft genug erlebt haben? Fangen wir dann noch an, uns einzulassen oder schalten wir irgendwann präventiv auf Distanz?
Das wäre der eigentliche Verlust. Nicht falsche Bilder. Sondern dass wir verlernen, uns von Bildern bewegen zu lassen.
— Auf die nächste These? Schreib mir.
Schreiben →